Der Projektanfang war so kurios, dass ich ihn hier erzählen will. Ferner wird hier über die Zukunftspläne berichtet werden: Monographie, Ausstellungen, Shop usw.


Begonnen hat alles damit, dass ich im Mai 2008 bei mir ein paar freie Wände mit Bildern behängen wollte und auf eBay ein Aquarell mit einem «Davoser Brunnen» (77) von einem gewissen Gerhard Ahnfeldt ausgeschrieben fand. In der einschlägigen Literatur gab es über diesen Künstler so gut wie nichts. Nur der riesige «Bénézit» vermeldet kurz:

Ahnfeldt (Gerhard), peintre, né en 1916 (Ec. Egypt.?). Vivait en Egypte, dont il a tiré les sujets de ses peintures. Il peignait en larges à-plats, à la manière de la dernière époque de Gauguin.

En larges à-plats, «die Farben flächig auftragend», wie der späte Gauguin? Ägyptische Schule? Das Aquarell mit dem Davoser Sujet hatte mit Ägypten und Gauguin herzlich wenig zu tun! Inzwischen hatte ich auch eine Internetseite eines Kunstmalers namens Eduard Wurster in Davos gefunden, der Ahnfeldt offensichtlich gut gekannt hat und berichtet, wie dieser in den 50er Jahren bei einem Kunstmaler Albert Pfister in Erlenbach am Zürichsee eine Weiterbildung machte und danach ganz neu, farbenfroh und vielversprechend malte – worauf sich Wurster ebenfalls mit Pfister in Verbindung setzte. Von Ägypten stand da zwar nichts, aber immerhin begann Ahnfeldt in Davos vor meinen Augen Gestalt anzunehmen.

Das Motiv gefiel mir, habe ich doch an solchen Brunnen vor einem halben Jahrhundert munter geplanscht, die Arbeit des Aquarells dünkte mich qualitativ gut, und besonders merkwürdig fand ich die Notiz, es werde ein Karton, gleich gross wie das Passepartout, mitgeliefert, auf dem zwei Etiketten klebten, die zeigten, dass das Bild einmal der Sammlung Bührle in Oerlikon gehört habe. Ich dachte, falls das stimmt und Bührle dieses Bild tatsächlich einmal gekauft hat, kann es ja nicht so ganz schlecht sein, und schlug zu. Fr. 50.-. Ich war der einzige Bieter. Und ich ahnte nicht, dass ich gerade mein Leben um ein neues, faszinierendes Hobby bereicherte.

Das Bild kam an, ich untersuchte alles, die Etiketten dünkten mich echt, und hinten auf dem Passepartout stand mit Bleistift geschrieben «Davoser Brunnen» und «Fr. 350.-». Ob Bührle seinerzeit so viel gezahlt hat?

Die Verkäuferin meldete mir noch, in der Brockenstube, in der sie das Aquarell erstanden hatte, sei ihr gesagt worden, es habe noch ein sehr schöner Rahmen dazugehört, der sei aber vor kurzem gestohlen worden.

Zur Sicherheit setzte ich mich mit der Stiftung Sammlung E.G. Bührle in Verbindung. Deren Direktor, Dr. Lukas Gloor, schrieb mir dankenswerterweise umgehend zurück (16.6.2008), Bührle habe auch immer wieder Bilder verkauft, und schickte mir Photokopien der Korrespondenz zwischen Ahnfeldt und Bührles Privatsekretär, Walter Drack, vom 5.4.–14.8.1953, die die Umstände des Kaufs genau dokumentiert. Vor allem Ahnfeldts erster Brief brachte zahlreiche neue Informationen: Er stamme aus Rostock, leide seit 18 Jahren an offener Tuberkulose, wohne mit seiner Frau (Mathilde, geb. Caldelari, er nannte sie «Caldi»), einer Schweizerin, in Davos, fühle sich nun so gut, dass er gerne eine Weiterbildung bei einem renommierten Schweizer Künstler, Albert Pfister, speziell in der Farbenlehre absolvieren wolle. Schliesslich bittet er Bührle, «eventuell eine meiner Arbeiten anzukaufen, um mir so meine Studien in Zürich zu ermöglichen». Bührle zahlte Fr. 300.-. Am 5.8. meldet Drack, er habe den Auftrag gehabt, «Ihr schönes Aquarell 'Davoser Brunnen' in die Fabrik bringen zu lassen – das Bild wurde inzwischen von Herrn Willy Klopfer in Zürich sehr gut gerahmt». Wie schade um den Rahmen! Vielleicht hat der Dieb ja ein Einsehen und gibt ihn dem Aquarell wieder zurück? (Die Hoffnung stirbt zuletzt!)

Eine liebe Freundin aus meinen Kindertagen in Davos-Monstein, Frau Lisa Meisser-Hottinger, der ich im August 2008 von meinem Fund erzählte, konnte sich an den Namen Ahnfeldt schwach erinnern, setzte sich umgehend mit Eduard Wurster in Verbindung, den sie kannte, und schickte mir darauf Photokopien von einigen Dokumenten ins Unterland, die mir noch mehr Informationen brachten: Ahnfeldt musste 1956 aus gesundheitlichen Gründen nach Kairo auswandern, wo er acht Jahre später starb. Die Davoser Revue berichtete jedoch in den 60er und frühen 70er Jahren mehrfach ausführlich über ihn, vor allem über zwei grosse Ausstellungen in der Villa Vecchia in Davos-Dorf (Nov./Dez. 1960 und Nov./Dez. 1963), die seine Frau durchführte. Die Berichte stammen von Fritz Dürst, dem seinerzeitigen Verkehrsdirektor und Präsident der Kunstgesellschaft, und Helga Ferdmann, der Gattin und Nachfolgerin des Gründers und langjährigen Redaktors der DR, Jules Ferdmann. Wo Ahnfeldts Bilder sind, ging aus den Unterlagen dagegen nicht hervor. In einem der Artikel in der DR steht: «Eine stattliche Anzahl seiner Werke befindet sich in Davoser Privatbesitz». Das Altersheim in Deutschland, in dem Ahnfeldts Witwe ihren Lebensabend verbracht hat und 1995 gestorben ist, konnte mir auch nicht weiterhelfen: Die Unterlagen über Frau Ahnfeldt seien nach Ablauf der zehnjährigen gesetzlichen Aufbewahrungsfrist vernichtet worden (E-mail vom 5.9.2008). Wurster sagte zudem, einige Bilder hätte vermutlich der genannte Fritz Dürst gehabt, der aber vor ungefähr dreissig Jahren kinderlos gestorben sei. Ferner hätten seinerzeit wohl verschiedene Davoser Ärzte Bilder erworben, von denen jedoch die meisten nach ihrer Pensionierung weggezogen und in der Zwischenzeit zweifellos alle gestorben seien. Es würde also sehr schwierig sein, an die Bilder heranzukommen.

Das war nicht sehr ermutigend, aber meine Neugier war endgültig geweckt, vor allem durch drei Dinge:

Erstens durch den sehr interessanten Lebenslauf, der sich in Wursters Unterlagen fand.

Zweitens durch die Photographie eines Ahnfeldt-Bildes, die mir Lisa Meisser schickte (7 «Holzlese»). Sie hatte es zufällig bei einem Bekannten entdeckt. Und wie verschieden dieses Bild von dem «Davoser Brunnen» war! Aus dem akkuraten Zeichner mit der Liebe auch zum kleinsten Detail war in der Tat ein mutiger, farbenfroh-grossflächig arbeitender Maler geworden, – der freilich nach wie vor meisterhaft komponierte. Ahnfeldt faszinierte mich immer mehr! Wäre es nicht vielleicht möglich, schrieb ich an Lisa Meisser, einige dieser Bilder zusammenzutrommeln und eine Erinnerungsausstellung für den so völlig vergessenen Künstler zu organisieren?

Drittens meldete mir Lisa Meisser, die Bibliothek Davos besitze eine Federzeichnung Ahnfeldts von der Kiesgrube in Frauenkirch, und schickte mir von dieser und dem dazugehörigen Inventarblatt Kopien. Aus dem Inventarblatt geht hervor, dass Frau Ahnfeldt die Zeichnung am 22.1.1987 der Bibliothek geschenkt hat, und es steht darauf auch, handschriftlich nachgetragen, «Nr. 146, Liste 1981». Das machte mich besonders hellhörig: Es schien, als ob in den 70er oder 80er Jahren jemand über Ahnfeldt gearbeitet und eine Art Werkverzeichnis erstellt hätte. Wer war das wohl gewesen, und wo war dieses Verzeichnis zu finden?

Nach einem strengen akademischen Jahr fand ich Ende August 2009, von neuem Elan gepackt, über den für Wissenschaftler unentbehrlichen «KVK» («Karlsruher Virtueller Katalog») eine nächste Spur, und die führte erstaunlicherweise nach Mecklenburg, Ahnfeldts Heimat. Dank den emsigen Bibliothekaren der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, die das Mecklenburg-Magazin, die Regionalbeilage der Schweriner Volkszeitung, thematisch aufschlüsseln, erschien bei der elektronischen Suche nach «Gerhard Ahnfeldt» ein Artikel aus dem Jahre 2000 mit dem Titel «In Rostock geboren – in Kairo gestorben: der Maler Gerhard Ahnfeldt (1916–64)» von Dr. Ingrid Möller. Die Autorin, die ich sogleich anschrieb, sandte mir ein Exemplar des Artikels und – noch wichtiger – Name und Adresse von A.S., die eine Reihe von Werken Ahnfeldts sowie «Ablichtungen von Ausstellungsbesprechungen in Schweizer Regionalzeitungen» – die ich, wie ich richtig vermutete, zum Teil schon von Wurster her kannte – und «einen maschinengeschriebenen Nachruf von Angehörigen» besitze.

Das war eine weitere Spur. Wie heiss sie wirklich war, ahnte ich freilich noch nicht. Aber ich konnte ihr im Juni 2010 folgen, als ich an den Universitäten von Greifswald und Rostock zu Vorträgen eingeladen war. Da packte ich die Gelegenheit beim Schopf, meldete mich vorgängig bei Frau S., und so konnte ich nach Erfüllung meiner angenehmen akademischen Pflichten in den beiden Universitätsstädten einen langen und unglaublich spannenden Samstagnachmittag weit draussen auf dem Lande verbringen, der mich nun mitten ins Leben von Gerhard und Mathilde Ahnfeldt hineinwarf. Denn ich fand viel mehr vor, als ich aus Frau Möllers Brief hatte erwarten können: A.S. hatte ein regelrechtes kleines Archiv nebst einem Rest des Nachlasses unseres Malers. Wie A.S. zu diesem Material gekommen war, war sofort klar: «Caldi» (Frau Ahnfeldt) hatte im Altersheim eine enge Freundin, K.S., und nach deren Tod beschloss sie, die ohne Nachkommen war, das Archiv und Teile des Nachlasses deren Tochter A. zu übergeben. Und ebenso rasch wurde klar, dass Caldi selbst es war, die einen Grossteil ihres Lebensabends auf die Dokumentation und Numerierung des Werkes ihres Mannes verwendet hatte. Auch die «Liste 1981» fand sich in dem Archiv.

Frau S., die das ganze Material seit fünfzehn Jahren praktisch unangetastet gelassen hatte, war bereit, mir das Archiv und die kleinen Originalarbeiten zu verkaufen, und seither arbeite ich in Teilen meiner Freizeit an der Dokumentation und Sicherung der reichen Dokumentation. Da Caldi unter anderem zu jedem verkauften oder verschenkten Bild notiert hat, an wen es gegangen ist, sah ich meine erste Aufgabe darin, herauszufinden, wo sich die Bilder heute befinden, ob sie wohlbehalten sind und ob sie den Besitzern bzw. deren Nachkommen nach wie vor Freude machen (was fast immer der Fall ist). Wenn immer möglich gehe ich die Bilder persönlich besuchen, um gute digitale Photos davon zu machen, Rückseite und Rahmen zu untersuchen und den Besitzern von meinem Projekt zu erzählen und von ihnen mehr über den Maler und seine Zeit zu erfahren. Freilich gibt es da noch zahlreiche harte Knacknüsse, denn seit den Verkäufen sind inzwischen knapp zwanzig bis weit über sechzig Jahre vergangen, viele Käufer sind gestorben, manche ohne Nachkommen, oft sind schon Caldis Angaben nicht detailliert genug, und zwei grosse Gruppen von Bildern (über 100) sind ganz ohne Nachricht verschollen. Da bleibt mir also noch viel zu tun!